:: wächsernstarr ::

wir steuern auf ein verlängertes wochenende zu, die menschen sind von einer vorausschauenden entspanntheit beseelt. zugleich drehen die chefs und sub-chefs auf:

begegnungen:

als ich zur pause auf unseren überdachten ort voller schrottreifer sitzmöbel zusteuern will, kommt mir ein solcher sub-chef entgegen, breitet die arme aus und zwingt mich somit, ihm rückwärts gehend auszuweichen.

„nein. hier nicht mehr hin.“
(„ich will raus.“)
„nein. ihr dürft ab jetzt nicht mehr draussen sitzen.“
(„ich habe pause und will jetzt da raus.“)
„nein. du kannst in die waschküche gehen. das ist euer neuer pausenraum.“
(„frische luft.“)
„nein. hier nicht mehr hin.“
(„???“)


schon wie er im entgegenkommen die arme ausbreitet! das erinnerte mich spontan an den duktus meiner grundschullehrer, wenn diese uns bei regen draussen vorm schulgebäude warten ließen. wenn’s uns zu nass wurde und wir in den vorraum der schule vorzudringen versuchten, traten sie uns mit eben jener geste entgegen.
der lustige sub-chef blieb mit rudernden ärmchen zwischen mir und der schweren eisentüre stehen, die mich von meiner portion frischluft trennte. vermutlich machte ich nicht den eindruck, mich leicht von diesen narreteien überzeugen zu lassen. wie selbstverständlich gab es auf mein fragen nach dem warum keine auskunft.
… es ist jetzt so, weil es jetzt so ist.

in der folge bewachte der sub-mensch diese eisentüre. während ich aus einigem abstand seine veranstaltung beäugte, bekehrte er ganze trauben frischluftsüchtiger lagerarbeiter, die auf ihrem gewohnten weg schlafwandlerisch zum hof hin strebten.
nix is.
etwa zehn minuten lang war ich versucht, ihm eine begründung abzuringen. zur antwort ruderte er mit den armen, zog die schultern bis zu den ohrläppchen und grinste wie blöde. sehr witzig. sehr, sehr witzige vorstellung.

gestalten schreiten wächsernstarr durch glut und rauch.

kollegen, die offenkundig im umgang mit schwachsinn geradezu routiniert sind, packten mich schließlich am ärmel, um mich in die waschküche zu zerren. inzwischen war ich echt stinksauer:
in der waschküche gibt es keine frische, sondern abgestandene luft. überall hängen und liegen lumpen — zustände irgendwo zwischen ungewaschen, gewaschen, unwaschbar, trocken, angetrocknet und quietschnass. als sitzgelegenheiten stehen uns zwei stühlchen und ein höckerchen zur verfügung — wir sind etwa 25 personen. manche wollen frühstücken, andere rauchen; beides zugleich ist im hof kein problem, in diesem stickigen räumchen allerdings schon.
einige stecken bloss den kopf hinein, um kurz und vernehmlich zu schnaufen und sich eine andere ecke fürs frühstück zu suchen. mir behagt der raum allein deshalb nicht, weil es ein raum ist. wenn ich acht stunden im stickigen kellergewölbe zubringe, ist mir der frischluft-bonus irgendwo zwischen schrottreifen sitzmöbeln allemal lieber… verdammter saftladen.

von einer kollegin, die schon zum wiederholten male in diesem saftladen abgestellt wird (sie hat also quasi den unrühmlichen „nachschlag“ von amt erhalten), erfahre ich, dass das hof-verbot schon einmal stattgefunden hat.

„damals haben wir alle nen aufstand gemacht.“
(„wie denn?“)
„na, das geht ja wohl gar nicht! ich will an die frische luft und der affe da meint, das sei „unästhetisch“. hammer oder?“
(„was ist unästhetisch?“)
„na, wie wir da rumsitzen.“
(„wir sind unästhetisch? schuldige, ich kapier das noch nicht so recht…“)
„ja, klar sind wir unästhetisch“, sie lacht, „da ist immerhin die anlieferzone. wir sollen da nicht rumhocken. das macht angeblich nen schlechten eindruck auf die kunden.“
(„????“)
„damals haben wir uns alle draußen vor den eingang gehockt. gestreikt. da vorm eingang waren wir ihm dann irgendwie noch unästhetischer.“
(„und danach war der hof wieder frei?“)
„dauert — der affe hat ja all unsere sitzmöbel wegschaffen lassen. hat alles mit containern zugestellt. das räumt der so schnell nicht weg.“
(„saftladen.“)
„phht. ist hier eben so. die sind total bescheuert.“
(„weiß nicht, ob ich mich daran gewöhnen soll.“)
„kann man sich nicht dran gewöhnen.“


garten wunderlicher abenteuer;
verzerrtes; blumenfratzen, lachen; ungeheuer
und rollendes gestirn im schwarzen dornenstrauch.

im laufe des tages habe ich das hofgang-verbot dann ignoriert. da ich meine pausen selbst bestimmen kann, bin ich nach eigenem gutdünken auf den hof entwischt. bedauerlich nur, dass der ärmchenrudernde sub-chef sich nicht den ganzen tag freinehmen konnte, um diese eisentüre zu bewachen.
im laufe des tages sprach ich jeden darauf an, der vorbeilief. jemand hat prompt den ersten stuhl wieder dorthin geschafft, wo zuvor noch ein (un)ansehnliches sammelsurium schrotter sitzmöbel prangte. seine subversiven tendenzen unterstreichend kündigte er an, nach und nach wieder alles her zu richten; nur für den tisch brauche er dann wohl hilfe.

jemand konnte von einem „ernsten wörtchen“ mit dem eigentlich für die massnahme verantwortlichen chef berichten. der hatte das waschküchen-arrangement für hinlänglich erklärt. vermutlich geht es darum, uns die freude an gemeinsamen pausen zu nehmen. denn wenn menschen wir wir uns wächsern vor lethargie auf den hof hinaus geschleppt oder geschlichen haben, bringt uns so bald nichts mehr hinunter ins gewölbe. vielleicht liegt es ja daran. niemand wird sich eine längere verweildauer in der stickigen waschküche vorstellen wollen. statt dessen steht man nun eben schmutzstarrend, unrasiert und rauchend direkt vorm eingang des saftladens.

„sollen die sich doch die mühe machen, uns überall auf dem gelände zu suchen.“
„haha, wir hängen dann eben sonstwo rum — geduldet wird unser anblick ohnehin nirgends.“
„soll der affe uns doch hinterher rennen!“
„wenn ich auf dem hof nicht mehr pause machen darf, mach ich eben pause, wo’s mir passt.“

unbedenklich, das die menschen aus handfestem schwachsinn so viel vergnügen ziehen können. denn wir sind tatsächlich mehr vergnügt als verärgert. der einzig beteiligte, der mit einer übermäßig missvergnügten fratze umherrannte, war der verantwortliche chef selbst.
harhar.
gegen abend fanden wir uns bereits wieder in unserer angestammten schrottecke ein. einer hielt den pionier-stuhl in beschlag, andere hockten sich auf die rollcontainer …
wunderliche abenteuer — was die chefriege sich nicht alles einfallen lässt, um unseren arbeitsalltag aufzupeppen!

1 Kommentar

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  1. […] macht sich immer mehr auch bei leuten in meiner direkten umgebung bemerkbar. berufsbedingte körperliche schäden nach 1 1/2 jahren ausbildung sind wirklich überdurchschnittlich mies. dazu schlaucht der job schon so ungemein. über schleichwege (fast buchstäblich so zu nennende) kommt dazu noch die info, dass das arbeitsamt fortbildungsmaßnahmen bei körperlichen schäden nicht übernimmt, sondern leute zur lokalen xxx-kammer weiterschickt, die aber kein geld hat. bleibt als nur vom boss gekündigt werden (wird klappen), und auf fortbildung hoffen. und die daumen drücken, dass so was nicht dabei rauskommt (nebenbei: dicken applaus für Dein blog, h|a) […]

    Pingback von bigmouth_strikes_again :: changes — 19. Dezember 2005 @ 22:58

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