:: unbefangen? ::

im zeichentrickfilm gibt es das unbekümmerte opfer, das allen gefahren durch seine sorglosigkeit entkommt, in schützender blindheit die füße richtig setzt, über fallen, gullys hinweg, fangarmen entgeht, sich ineinander verkeilende autos hinterlässt. …

comic-style-impressionen aus den letzten tagen:
jemand, der an den dingen drehen kann, also jemand mit fangarmen, verfolgt mich mit dem ansinnen, meine verweildauer im zwangsjäckchen zu verlängern. da bräuchte ich mich nicht einmal in eine hot-shot-liste verweilwütiger einzutragen, das alles ließe sich augenblicklich arrangieren.
meine reaktion — kein schallendes hohngelächter. nach meinem verschwinden werden die dinge irgendwie weiter laufen, versichere ich mit unverschämtem frohsinn. dieser tage kann ich das grinsen nicht lassen; es ist alles zu komisch!

… die unbefangenheit lenkt nicht nur den schritt, sie zwingt den angreifer anzuhalten und zu überlegen, denn er erkennt sein opfer gar nicht, die furchtlosigkeit lässt ihn stutzen.

kein grund für frohsinn oder furchtlosigkeit — man darf orakeln, dass die kunde von der einmaligkeit des brückenjobeinsatzes kein allgemeingültiges gesetz darstellt. wie könnte ich je sicher sein, kein zweites „jobangebot“ marke trödelladen zu erhalten? frei nach whitey the light at the end of the tunnel is a train… wie dem auch sei, ich bin rundum sicher, niemals wieder mitzuspielen.
man fragt nicht, ob ich die pseudo-arbeit „gern“ getan habe und infolge dessen „gern“ nachschlag hätte. vielmehr entstehen elaborierte darstellungen des drohenden endes: wenn ich aussteige, bricht alles zusammen. soll ich hier quasi als bücherlawinenopferrettungshund gebucht werden? ganz gleich wie häufig die beschwörungsformel auch wiederholt wird, dieser jemand könne da was drehen und meinen aufenthalt verlängern lassen — what the heck!

… wenn das opfer nicht zittert, ist er sich nicht mehr sicher, ob er der angreifer ist. und schon ist die gelegenheit, der günstige moment vorüber. b.klix: tiefenrausch

auch wenn die geschichte als „angebot“ vorgetragen und als panisches flehen formuliert ist — dies gilt mir als ein persönlicher übergriff auf die sich leise ankündigende freiheit. die hintergründe lassen durchblicken, dass ich meine einwilligung in die fortsetzung meiner opferrolle* geben soll. vielleicht hinterlasse ich ja sich ineinander verkeilende autos, altpapierlawinen werden sich lösen und die ordnung der dinge unter sich begraben — mein verantwortungsbewusstsein hat augenfällige (an amoralität grenzende) mängel, eh? nix zu machen.
die erste maßnahme habe ich mir reingedreht, obwohl mir das „wie“ zuwider war, das „was“ hingegen hat mich seltsam gereizt. eine zweite maßnahme werde ich mit allen zu gebote stehenden mitteln (der unbefangenheit) abzuwehren wissen — denn heute ist mir das „wie“ geradezu tödlich und das „was“ zuwider. sollte eine zweite rekrutierung anstehen, käme mein einverständnis einem geistigen freitod gleich —


* opfer versus ehre: wäre jemand auf den verrückten gedanken verfallen, mir ein ehrenamt anzubieten, wäre mein aktives engagement für die buchhandlung so gut wie gesichert gewesen.
dass man den haarfeinen unterschied zwischen behördlich angeordneter zwangsjacke und freischwebendem ehrenamt (EHREnamt) bzw. mein empfinden persönlicher würde nicht in betracht zieht, betrachte ich als erwartbaren fauxpas. hier sei für die kopfschüttelnde nachwelt festgehalten: homoacademicus hätte die buchhandlung ehrenamtlich weiter betreut und beackert — der bücher wegen. wie lange ich noch zum ehrenamt bereit sein werde, ist übrigens offen.

:: erfahrungs*reichtum ::

wenn ich die dinge so überblicke, manifestiert sich der dringende wunsch, außenstehende (womöglich noch „zuständige“) sollen sich das treiben im lager ansehen und heitere gespräche mit den kellerwesen führen. dieser wunsch existiert, seit ich zuerst einen 1-euro-fuß in diesen keller gesetzt habe.

ein zuständiges amtswesen ließ sich details aus meiner perspektive schildern, konnte den schilderungen allerdings nicht „glauben“, geschweige denn folgen. gut: dann nix wie hin! wieso zum henker schickt eine behörde langzeitarbeitslose in die obhut jener institution, ohne über die interna im bilde zu sein? zwei kilometer luftlinie … ein gigantomanischer aufwand.

selbstverständlich fand während meiner verweildauer kein persönlicher kontakt zwischen behörde und mit der integrierenden verwaltung der arbeitslosen betrauten institution (bes. deren kellernische!) statt: es gibt schließlich ein telefon. somit steht die verbindung ausschließlich zu marketingtechnisch geimpften bürowesen — was im keller abgeht, ist … ist … sekundär?

ein persönliches erscheinen könnte zu unschätzbar wertvollen sinnlichen erfahrungen führen („hier ist es ja arschkalt! ist das immer so?“), oder zu tatsachenorientierter prüfung der im „stundenzettel“ blumenreich beschriebenen tätigkeiten verhelfen („sie putzen also jeden tag alle klos? alleine? ohne handschuhe? immer? wieso?“), eventuell wird man wunderliche begegnungen erleben („wieso haben sie so viele überstunden? kann denn sonst niemand ihre arbeit übernehmen?“ oder „sie humpeln, haben sie schmerzen? warum lassen sie sich nicht krank schreiben?“) und dergleichen mehr.

es müssen nicht notwendig behördliche ordenträger sein, die sich den vertrödelten laden gnädigst von innen ansehen sollten — es könnten kommunalpolitiker sein, journalisten, psychiater meinetwegen, oder besser noch: wesen, die ihre menschlichkeit nicht nur sonntags mit sich herumtragen. doch wer wollte die persönliche begegnung mit kellertieren wagen?

während ich das langsame ausscheiden aus der maßnahme in vollen zügen genieße, stelle ich mit tennyson fest, dass die kellertiere binnen weniger wochen zum bestandteil meines… meiner… meiner lebenserfahrung geworden sind. I am a part of all that I have met. deshalb kann ich nicht aufhören, an den dingen herumzukauen — das alles darf einfach nicht wahr bleiben.

dann vertraut ein wesen mir an, es werde alles daran setzen, die eigene maßnahme zu verlängern. warum? man braucht das geld. plus: daheim droht die decke einzustürzen. — ich fasse es nicht. was das geld betrifft, so hat mich der bonus der ersten drei monate dazu befähigt, meine miesen auszugleichen, mein konto ist nunmehr austariert. allerdings kann ich nicht begreifen, warum man eine nicht-arbeit der suche nach einem hundsgewöhnlichen arbeitsverhältnis vorziehen wollte!
eventuell ist der tagesrhythmus schlichtweg trügerisch — man rafft sich morgens auf, um an den ort zu gelangen, an welchem man zwischen acht und vier stunden irgendetwas zu tun hat; im gegenzug erhält man einen finanziellen bonus, der nichteinmal die lebensmitteleinkäufe eines monats bestreiten kann. fachliche, praktische und geistige anforderungen sind quasi nicht vorhanden, ob man nun etwas tut oder nur so tut als täte man etwas, ist im grunde gleichgültig. keine verantwortung, kein fortschreiten, keine karriereanreize, keine zukunftsperspektiven — ödeödeöde, würde ich sagen. doch es gibt kellerwesen, die sich nach anfänglichem aufbäumen brav zufrieden geben, gar mehr verlangen würden — mehr von „nichts wirkliches“.

auch das ist nunmehr bestandteil meiner erfahrungen, weil ich tatsächlich nachempfinden kann, wie soetwas zustande kommt. ein gesinnungswechsel: vom arbeitsuchenden wesen zum pseudo-arbeitenden. damit wäre die brückenjobgeschichte als lustiges neuzeitliches hobby für arbeitslose zu betrachten, wäre da nicht der behördliche zwang, der den ganzen schlamassel ursprünglich einleitet…

und wenn man sich nun fragte, was die ganze kacke gebracht hat? für die behörde sind in den vergangenen monaten die kosten für meinen „fall“ erheblich gestiegen; dieser finanzielle mehraufwand hat nirgendwo irgendwie gearteten mehrwert erzeugt. wenn man so will, könnte man uns brückenjobber als wimmelnde fehlinvestitionen betrachten — geld fliegt bekanntlich widerstandslos in schwarze löcher, und der brückenjob gewinnt in diesen tagen majestätisch an gravität.

:: hirnerweichend ::

während weiterhin nix zu tun ist, die aussicht auf das ende des tunnels mich indes massiv beschäftigt, gelange ich zu ganz eigenartigen gedanken:

ist es nicht so, dass mich die zeit im lager verändert hat? in heroischen momenten hänge ich dem gedanken nach, dass ich die kacke überstehen werde, ohne (an der welt) zu verzweifeln, dass ich dem vakuum eine private balance entgegenhalten konnte, die mich vor allerlei undenkbarkeiten bewahrt. in weniger heroischen momenten will ich unbedingt herausfinden, wie weich meine wet-ware inzwischen geworden ist (im vergleich zu was eigentlich?): es ist das überwältigend hirnlose, das diese fassungslosigkeiten immer wieder auslöst.

nach schtories wie „könnense lesen? … könnense schreiben?“ gab es die prüfung meiner auffassungsgabe „füllense das formular mal probeweise aus, ich diktier mal …“. hernach der nächste level mit einfühlsamen kommandos — bücher einordnen: „traun se sich das zu?“, oder briefkuverts beschriften: „die karten sind angekommen…!“
an dererlei ecken stößt sich bestenfalls „homoacademicus“ die anspruchsvolle nase.
was indes wesentlich krassere indizien für die allgegenwärtigkeit einer art vorauseilender dämlichkeitsprognose liefert: kollegen sind gehalten, die fenster zu putzen, bevor selbige verschrottet und durch neue (ebenfalls zu putzende) fenster ersetzt werden…. kollegen bauen ein fettes möbel auf, dessen augenschein bereits versichert, dass es sogleich abgebaut und verschrottet werden wird… man spült und putzt gegenstände, die offensichtlichst anschließend im müll landen — ist das hirnerweichend?!

was meine brückenjob-erfahrung betrifft, so ist das selbstverständliche geschäft mit uferloser dummheit eines der bemerkenswertesten charakteristika. und ich sag euch eines: zuträglich für die (gegen unendlich) laufende jobsuche ist das nicht:

to be considered stupid and to be told so is more painful than being called gluttonous, mendacious, violent, lascivious, lazy, cowardly: every weakness, every vice, has found its defenders, its rhetoric, its ennoblement and exaltation, but stupidity hasn‘t.

so jedenfalls formuliert es primo levi irgendwo. wenn mich kollegen diesertage fragen, warum ich keine verlängerung der maßnahme wünsche, obzwar mir selbige von vertretern der einrichtung ans herz (oder sonstwohin) gelegt wird, dann muss ich gestehen: hier drin werde ich bekloppt. dies ganze arrangement der „beschäftigung“ ist offenkundigst nicht dazu ausgelegt, das selbstwertgefühl der kellerwesen zu stützen, statt dessen könnte man eher prognostizieren, dass selbiges im zuge der maßnahme zur heillosen ruine verkommt.

und es ist nicht so, als wären andere weniger empfindlich gegen aufoktroyierte dummdödel-vorgänge:
wenn da jemand zeit damit verbringt, einen frisch angelieferten e-herd von zig lagen verkrusteten garrückständen zu befreien, erfährt dieser jemand anschließend, dass der blitzsaubere herd verschrottet wird. wenn ein kleiderschrank nach x stunden dank ingeniöser reparaturarbeiten endlich stabil in der warenausstellung steht, erfahren die restauratoren, dass sie die arbeit anschließend im rückwärtsgang erneut zu leisten haben — ab in richtung schrottpresse.

was leistet ein solches „klima“ für die integrationsfähigkeit der langzeitarbeitslosen? nunja, man hat sich beweisen lassen, dass man für keinen mist „zu schade“ ist. wenn ladies sechs monate hindurch die toiletten, treppen, büros, aufenthaltsräume und wer-weiß-was-alles putzen, werden sie hernach den mumm haben, sich im erlernten beruf zu bewerben? übrigens, es putzen einzelhandelskaufleute, fachverkäuferinnen, examinierte altenpflegerinnen … recht so? frei nach dem motto: einer muss die drecksarbeit ja machen.

um es auf den punkt zu bringen: im widerspruchsfreien raum hirnerweichendes und verdummendes zur arbeitsphilosophie erhoben zu sehen, hat ungewisse auswirkungen auf weitere suchbewegungen auf dem arbeitsmarkt.

illustres beispiel: ein kellerwesen bewirbt sich als kassiererwesen, wird zum „probearbeiten“ geladen, darf drei tage ohne anerkennende zahlung an der kasse und beim regaleeinsortieren schuften; anschließend die kunde „wir melden uns“. — na prächtig. brückenjobbende wesen nehmen derartige arbeitsmarkttechniken hin, ohne auch nur mit der wimper zu zucken. recht so? nunja, das wesen seufzt und verliert sich in selbstkasteienden grübeleien darüber, dass es während jener drei tage offenbar keinen überzeugenden eindruck machen konnte … und mir fehlen schier die worte.

ist es denn möglich, dass diese institution (und wir hoffen, sie ist ein unikum) arbeitsmarktabfälle produziert, während sie wohlstandsabfälle gewinnorientiert in den konsumkreislauf einspeist? hier wird aus gebrauchsfähigem material schrott und dort aus schrott gebrauchsfähige ware — nebenprodukt: eine unverschämte menge schotter.

:: fireborn moods ::

HA! für den betriebsfreien rosenmontag geht ein urlaubstag drauf bzw. der rest meiner anerkannten überstunden — die verwegene begründung lautet: das ist so.

umm …

dann setzen trompetenstimmen die verstörten kellertiere davon in kenntnis, im aufenthaltsraum dürfe nicht gespeist werden („darf“, nicht „soll“, sondern „darf“). im entlegenen gebäudetrakt sei zu zwecken der nahrungsaufnahme der pausenraum aufzusuchen. — hmm, der aufenthaltsraum marke waschküche ist kein pausenraum, der pausenraum indes ist ein speisezimmer. dies vollzieht sich, nachdem die garstige waschküche unlängst erst zum pausenraum erklärt worden war…

verlangt man den kaputten in angelegenheiten von derart feinstofflicher differenzierung nicht etwas zu viel intellekt ab? oder anders: kopf kaputt. isch-kapier-dat-nich!

wie ungehorsame kinder versammeln sich die kellerwesen weiterhin zur nahrungsaufnahme im uringelben salon — eingedenk des simplifizierenden verbotes sowie der verkomplizierenden erläuterungen.

mögen wir uns allezeit glücklich schätzen, dass uns pausen- und aufenthaltsraum eingeräumt sind. möge man jenen ihre begriffsstutzigkeiten nachsehen, deren tage ausschließlich auf die kostbaren pausenzeiten konzentriert sind. und möge man mit weniger schärfe jenen nachsteigen, die sich mit hilfe verbotener schwätzchen durch ihre pflichtstunden hindurchquälen.
uns geht es um nichts anderes, als darum, die zeit möglichst schmerzlos verstreichen zu sehen. ihnen geht es um nichts anderes, als eben jene zeit möglichst fühlbar (zur strafe) zu machen. was dort also disziplin und zucht geheißen würde, heißt uns schikane und quälerei als selbstzweck. wer wollte zwischen diesen beiden gefechtsständen vermitteln? ist es überhaupt vorgesehen, die gegnerschaft zu überwinden? und ist es nicht herzerfrischend, dass ausgerechnet die zeit zum anlass kriegerischer betätigungen wird? ist es niedlich, wie erbittert arbeitslose ihre grundsätzlich im überfluss vorhandene zeit gegen regelmentierende übergriffe jener verteidigen? so hat auch das launige tauziehen nie ein ende — und die zeit vergeht trotzdem.

time drops in decay,
like a candle burnt out,
and the mountains and the woods
have their day, have their day;
what one in the rout
of the fire-born moods
has fallen away?

dieser tage kann langeweile zum monsterphänomen anschwellen — es gibt nichts zu tun. und um nicht irre zu werden, lenkt man sich ab, indem man irgendwo an irgendwas rummokelt. das ist so, als säße man fünf stunden in einem warteraum fest, der dem freischwebenden intellekt nicht einen einzigen reizvollen fussel bietet … man latscht durch die hallen, um vielleicht nochmal die schlaglöcher im betonboden zu zählen, sie ihrer größe und tiefe nach zu katrographieren, oder um sich ihre entstehungsgeschichte auszumalen. kontemplation oder so ähnlich. vielleicht schlendert man fünf mal zum pappcontainer, um fünf kartons zu entsorgen. eventuell trifft man ein kellerwesen an, welches seinem unmut wortreich luft machen muss — das ist allemal unterhaltsamer, wenngleich man sich kaum je mehr zu erzählen hat, als dass man sich entsetzlich langweilt.

als einige wesen den vorschlag unterbreiten, die arbeit heute früher zu beenden, erfahren sie bedauerlicher weise, dass laut subchef noch jede menge zu tun sei. (ugh, verdammt!) immerhin gebe es immer düstre ecken zu putzen, entlegenste winkel aufzuräumen oder besser noch: die ausstellungsbereiche „umdekorieren“ — das bedeutet, einen ansehnlichen bereich des lagers nach den sponti-einfällen eines kreativen subchefs neu zu gestalten. möbel verschieben (oder besser noch: ab- und auf- und ab- und aufbauen) zum beispiel. je abgefahrener und aufwändiger die ideen, desto glänzender die subchefaugen. wenn’s arg kommt, ist der spaß mit den farbeimern wieder an der reihe — irgendwas kann man schließlich immer anstreichen. — und die zeit vergeht trotzdem.

:: fertig? ::

„öh? wo kommst du denn jetzt her?“ — hmja, ich bin wieder im keller aufgeprallt, nachdem ich meinen urlaub mit grippe verbracht und mir just am ersten nachurlaubsarbeitstag eine monströse fingerentzündung zugezogen hatte.

ohne kausalzusammenhänge heranziehen zu wollen sei festgehalten, dass ich nie (NIE) deratig viele derartig abartige erkrankungen erlebt habe, wie in den vergangenen monaten — dem physischen grundempfinden nach bin ich fortwährend „unpässlich“, mal mehr, mal weniger: eingangs bakterien irgendwo hinter den augen, ausgangs bakterien unter der haut der hände; zwischendurch immer mal wieder bakteriell induzierte erkältungserscheinungen … ich begreife es nicht. ekelhaft!

mental war ich so weit meine erinnerungen reichen niemals derart am ende — und nie empfand ich meine eigene person lächerlicher. the age of grotesque.

was mich aktuell befremdet: jene scheißegal-haltung: was meine verbleibenden urlaubstage und überstundenpolster betrifft, müsste ein saftiger hickhack stattfinden, auf gespenstische weise bin ich nicht imstande, mich darüber aufzuregen: nur fünf überstunden, sagt die stempelkarte. — ääh? da wurde etwas halbiert, will mir scheinen. anderen kellerwesen wurden ausstehende urlaubstage gen ausklang der maßnahme „nicht genehmigt“, begründung = null, widerstand: kraftraubend, sinn- und ergebnislos.

man hängt selten dämlich zwischen amoklauf und apathie — dabei werde ich den ekelhaften gedanken nicht los, ich könnte mich im laufe der monate an den anfangs so farbenfroh geschilderten allgegenwärtigen schwachsinn gewöhnt haben. oder bin ich dankbar, dass man mir meine unverschämten mikrofreiheiten bzw. mich weitgehend in ruhe lässt? mir ist speiübel bei der vorstellung, dass die dinge auf mich abgefärbt haben könnten, dass sich veränderungen vollzogen haben könnten, nur weil mir die galle nicht überlaufen will.

hey, ich bin nahezu „pflegeleicht“ geworden, um nicht zu sagen „kleinlaut“ — was ursprünglich (natürlicher weise) als spontane unmutsbekundung an die oberfläche treten konnte, bedarf derzeit eines ungeheuren willensaufwandes, um noch wahrnehmbar zu werden…

… bis kaum merklich zuerst, dann offenkundig, und dann nicht mehr nur offenkundig, sondern mit zunehmen schmerzhaftem druck auf bauchfell und augäpfel und arterien und hirnhaut, ein menschengroßer [hartzIV-gesichtiger] unrechts-ballon in ihr anschwoll.

liebe güte, ist es also eher der zustand einer geborstenen lächerlichen figur oder nicht doch eher der einer figur, die grotesker weise nicht einmal mehr bersten kann?

kellerwesen sind gehalten, eine neu eingerichtete stempelvorrichtung direkt im keller zu verwenden. man munkelt — dank nicht vorhandener begründungen — dies diene dem zweck, eine missbräuchliche handhabung des stempelvorgangs zu verhindern. lungerte man also nun vor dem apparat herum, um pseudo-überstunden zu basteln, kann es den subchefs nicht mehr verborgen bleiben.
anders betrachtet handelt es sich schlicht um eine bequemlichkeit, man muss nun nicht mehr in einen anderen gebäudetrakt latschen, um die eigene verweildauer zu dokumentieren. und genau das macht mich stutzig — nichts in diesem verein ist jemals dazu ersonnen, den kellertieren zu annehmlichkeiten zu verhelfen. wieso auch? aus blödem starrsinn stemple ich also stursteif weiter im entlegenen gebäudetrakt.

die herannahende freilassung spinnt gesprächsfäden. nach mir eingestellte kellerwesen fragen: „wann bist du fertig? bald, ne?“ — ich entgegne, dass ich gerade jetzt bereits sowas-von-fertig bin, dass es keine steigerung mehr geben kann. wenn alles vorüber ist, werde ich nicht fertiger sein können. da werfen mir hellhörige subchefs scharfe blicke zu, als hätte ich unanständigkeiten verlauten lassen. „scharf“ im sinne von mahnend bis erbost.

… so friggin‘ what??

:: engelsworte ::

zugegeben, ich komme über die kampagne „du bist deutschland“ noch immer nicht hinweg. im sozialen alltag der lagerwesen spielt der werbespot häufig eine rolle, wenn man darin botschaften enttarnt, die definitiv keinen bezug zum eigenen dasein haben (werden). man ist erbost darüber, dass die regierung solche dinge veröffentlichen darf.

seit ich den spot zum ersten mal sah, hatte ich eine vage ahnung, dass mir textauszüge bekannt vorkamen. die zuordnung beschäftigt mich seither — wie wäre es beispielsweise mit dem abgleich von rilkes dichtung und mystischen kernparolen der kampagne?

man lese rilkes „verkündigung“ und achte auf den gewichtigen ausklang der einzelnen strophen: da heißt es …

… ich bin der tag, ich bin der tau,
du aber bist der baum.
[…]
(verwirrt hat mich der raum).
sieh: ich bin das beginnende,
du aber bist der baum.
[…]
ich bin ein hauch im hain,
du aber bist der baum.
[…]
du aber bist der baum.

seltsamer weise macht das arrangement dubiosen sinn — verkündigung + die worte des engels — mit engelszungen die konsumfreudigkeit der bevölkerung ankurbeln, den ewigen nörglern einen kraftvoll bilderreichen „spot“ entgegenhalten, mit engelsgeduld auf potenziale verweisen und unterirdische energien zum fließen bringen … ungefähr so stelle ich mir das vor.

als hartz IV wesen kontre ich folgerichtig mit rilke und hebe die rauschende herrlichkeit aller meiner verluste […] unter den brückenbögen eines brückenjobs hervor:

mitte im gerichte,
vater, ich verzichte:
was ich seh, erreicht
nicht, was ich immer wußte:
die rauschende herrlichkeit
aller meiner verluste.
weißt du denn, wie weit
meine gefühle waren,
wenn ich in deinen klaren
irdischen nächten stumm
saß vor dem nachtasyle?
hunde gingen herum
um meine großen gefühle.
meines herzens vermögen
nahm unendlich zu
unter den brückenbögen.
und der schnee im schuh,
er zerging mir lind
wie die tränen zergehen
einem getrösteten kind.

rilke: stimme eines armen – an der hand des engels

unanständig, wie beide texte im gegebenen kontext zur parodie verkommen!

große gefühle und die rendite des herzensvermögens — damit tröste sich dieser tage der bettelnde oder schmarotzende bürger, er empfinde die rauschende herrlichkeit des verzichtens und verlierens. und wer weiß nun eigentlich — wer will wissen — wie weit unsere gefühle waren, sind oder sein werden? dergleichen vertraue man um des anstands willen bestenfalls einem engel in stummem gebet an.

zu wissen, dass das brückenjob-dilemma sich anschickt (als hätte es eine eigendynamik oder [bösen] willen), ein sicheres ende zu nehmen, ist tatsächlich in kindlicher weise tröstlich. alles wird gut — zumindest in dieser parzelle des unglaublichen erlangt der arme ein fetzchen wertvollster freiheit zurück.